Austausch der Stand(chrom)rohre USD Gabel

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Moderator: Börni

Austausch der Stand(chrom)rohre USD Gabel

Beitragvon hs1966 » 26 Jan 2013 17:17

Servus Leute,

da es nicht jeden Tag vorkommt, dass die Standrohre (Chromrohre) getauscht werden und deshalb die Informationen diesbezüglich recht dünn sind, möchte ich den obigen Beitrag ergänzen und euch über meine Erfahrungen berichten.
Auch wenn's hier um die 7er geht, bei der ZXR funktioniert's genauso.

Mein Sohn hatte ja diesen Sommer mit seiner 7er auf der Renne unglücklicherweise einen Rutscher und dabei die rechte Gabelfaust ein wenig abgeschrabbelt. Nachdem wir nun endlich eine Unfallgabel mit guter Gabelfaust aufgetrieben haben, geht's jetzt an Umbauen.

Gestern Nachmittag hatten der Junior und ich Schraubertag und haben dann die günstigst erstandene Unfallgabel zerlegt, von der wir die Gabelfaust brauchen. Gut, dass das Standrohr, von dem die Gabelfaust runter sollte, sowieso defekt war. So hatten wir erstmal ein Übungsmodell, an dem wir herausfinden konnten, wie wir das Standrohr am besten und unversehrt aus der Gabelfaust herausschrauben können.
Beim Einbau in seine 7er wird's dann etwas schwieriger, denn da ist das Standrohr gut und darf auf keinen Fall beschädigt werden.

Zunächst die Gabel wie im WHB beschrieben komplett zerlegen und auch die Dämpereinheit ausbauen.
Dann galt es als nächstes die kleine Madenschraube rauszubekommen. Siehe hier die kleine Bohrung ca. 5 cm unterhalb des Randes.
Bild
Es ist eine Madenschraube mit metrischem M6 Gewinde. Sollte so ca. 8mm lang sein. Wie von Heizer2 schon beschrieben, ist das Ding nicht nur vorne zur Sicherung aufgekörnt, sondern auch noch mit Loctite gesichert. Loctite macht hier auch Sinn, denn sonst könnte das Öl über's Gewinde langsam rausnässen.
Nachdem wir schon eine 3er Inbusnuss beinahe abgedreht hatten, machten wir es so, wie es Heizer2 schon empfohlen hatte. Nämlich rausbohren, und zwar ganz durch, damit beim Herausdrehen des Standrohres das Gewinde nicht durch Schraubenreste zerstört wird.
Aber bitte beachten!!!
Wenn das Standrohr wiederverwendet werden soll, dann auf keine Fall ganz durchbohren! Nur soweit, dass die Madenschraube sicher durch ist, aber auf keinen Fall das Standrohr selbst ganz durchbohren!
Die Gefahr, dass durch das Gewinde anschließend Öl austritt wäre viel zu groß. Zumal beim Einfedern in der Gabel ja auch ein gewisser Druck entsteht, kann ich mir kaum vorstellen, dass Loctite oder was auch immer das Gewinde der Madenschraube perfekt abdichtet. Schlimmstenfalls würde das Öl zwischen Gabelfaust und Standrohr aufsteigen und austreten.
Genau dies soll ja der O-Ring (siehe letztes Bild) in der Gabelfaust verhindern. Da wäre es doch widersinnig über dem O-Ring ein Loch ins Standrohr zu bohren. Ich hab zwar noch keins gesehen, aber ich nehme mit Sicherheit an, dass auch neue Standrohre keine Bohrung oder sonstiges in der Nähe der Madenschraube haben.
Zunächst mit einem 3mm Bohrer durch und dann mit einem 5mm Bohrer hinterher. Größer sollte man den Bohrer nicht nehmen, da sonst das Gewinde für die Madenschraube zerstört wird. Und gut bzw. richtig geschliffen sollte er auch sein, damit er nicht rumeiert.
Mit einem 5er Bohrer hat es gut geklappt und das Gewinde ist nahezu unbeschädigt. Entgegen den Angaben von Heizer2 empfehle ich hier bei einem 5er Bohrer zu bleiben, dann bleibt vom Originalgewinde noch genug Fleisch übrig.

Aber man kann sich gar nicht vorstellen, wie höllenfest das Standrohr in die Gabelfaust eingeschraubt ist.
So mussten wir uns erst einmal ein Spezialwerkzeug anfertigen, damit die Kraft (geschätzt ca. 400 NM) übertragen werden kann, ohne das Standrohr zu beschädigen.
Wir haben dann ein Rohr genommen, das ziemlich knapp gerade noch drüber geht und dieses dann mit Bohrungen (5 mm) versehen, die absolut passgenau mit den bereits vorhanden Bohrungen im Standrohr übereinstimmen. Ein normaler Kreuzschraubendreher (ich meine PH2) hat genau den richtigen Durchmesser und ist auch entsprechend stabil und die immense Kraft zu übertragen.
Anschließend haben wir auf dieses Rohr noch einen ca. 1 m langen Hebel aufgeschweisst. Siehe das nächste Bild.
Zuvor noch das Standrohr mit Tape oder ähnlichen umwickeln, damit die Chromfläche nicht durch das Rohr beschädigt wird.

Nachdem wir dann die Gabelfaust so im Schraubstock befestigt hatten, dass weder sie selbst, noch der Lack beschädigt werden konnte, ging es dann ans Herausschrauben.
Wie gesagt, höllenfest! Wir sind beide an dem 1 m langen Hebel gehangen, wie der Schluck Wasser in der Kurve.
Und ohne Übertreibung, wirklich mit letzter Kraft löste es sich urplötzlich. Wie sich später herausstellte, hatten die Schlitzaugen auch das Standrohrgewinde mit Loctite gesichert.
Freilich haben wir dran gedacht, die Gegend um das Gewinde warm zu machen, aber es galt den Originallack auf alle Fälle zu erhalten. Also mußte es kalt geschehen.
Aber mit dem angefertigten Werkzeug läßt sich die Kraft gleichmäßig auf das Standrohr übertragen, ohne dies zu beschädigen. Lediglich an den Bohrungen, in denen der Schraubenzieher steckt, wirft sich durch die enorme Kraft ein minimaler Grat auf, den man aber an dieser Stelle völlig unproblematisch abfeilen kann, weil er direkt unterhalb der oberen Führungsbuchse sitzt und die Gleitfläche hier keinerlei Bedeutung hat.
Bild
Und so sieht dann das demontierte Standrohr aus.
Vor dem Einbau ggf. das Gewinde in der Gabelfaust noch einmal nachschneiden (sollte aber bei einem 5er Bohrer nicht notwendig sein). Anschließend das Standrohr wieder ordentlich fest einschrauben und mit neuer Madenschraube (M6 x 8mm) sichern. Eingeklebt und abgedichtet wird die Madenschraube natürlich auch wieder mit Loctite. Aber diesmal nicht mehr mit "Hochfest" sondern nur noch mit "Mittelfest". Genauso werden wir auch das Standrohr in der Gabelfaust nur noch mit "Mittelfest" einkleben. Das möchte ich sehen, ob das nicht hält. Wahrscheinlich könnte man beim Standrohrgewinde das Loctite ganz weglassen.
Bild
Auf dem letzen Bild hier kann man noch einen Blick in das Innenleben der Gabelfaust werfen. Man muss aber unbedingt drauf achten, dass sich am Stoßboden, an dem die Stirnseite des Standrohrs nach dem Einschrauben anliegt, eine dünne Stahlbeilagscheibe befindet (siehe unterhalb des Gewindes), die sehr leicht herausfällt und verloren gehen kann. Diese stellt sicher, dass sich das Standrohr beim Festziehen nicht in das weiche Aluminium einarbeitet.
Weiterhin ist anzumerken, dass sich, wie oben bereits erwähnt, unterhalb des Gewindes, aber noch über der Beilagscheibe ein O-Ring befindet, der Gabelfaust und Standrohr gegeneinander abdichtet (siehe Bild). Diesen werden wir auch erneuern, kann ja nix schaden.
Bild
Wenn wir beim nächsten Mal die gute Gabel zerlegen, an welche diese Gabelfaust hier dran soll, dann haben wir zumindest den Vorteil, dass wir richtig warm machen können, weil an der alten Gabelfaust der Lack keine Rolle mehr spielt. Ich hoffe, die geht dann leichter ab.

Allerdings müssen wir uns noch ein Spezialwerkzeug anfertigen, um die Dämpfereinheit wieder festziehen zu können. Börnie hat's auch schon mal irgendwo beschrieben.
Nämlich ein etwa 40 cm langes Rohr (Innendurchmesser mindestens 12 mm), an welches auf der Unterseite ein Sechskantmutter mit 24 mm angeschweißt wird. Oben seitwärts an dem Rohr kommt noch ein kleiner Hebel dran, um gegenhalten zu können.
Dieses wird dann über den Dämpferkolben geschoben und rastet dann unten im 24 mm Innensechskant in der Dämpferpatrone ein. Quasi ein überlanger und innen hohler 24 mm Inbusschlüssel.

Wie die Druckstufendämpfung aussieht bzw. funktioniert, das kann ich euch, soweit es interessiert, auch kurz erklären. Das ist von der Technik her simpelst einfach. Ich hab selbst gestaunt und war enttäuscht zugleich. Enttäuscht, weil ich etwas mehr technische Finesse erwartet hätte. Aber das ist ja fast Hauruck-Technik.
Die große Inbusschraube, die von unten in die Gabel geschraubt ist und die die Dämpfereinheit festhält, ist als Hohlschraube ausgelegt (ähnlich wie die Bremsleitungsschrauben).
Beim Einfedern wird das Öl aus der Dämpferpatrone raus in die Hohlschraube gedrückt und durch deren seitliche Bohrung, sowie die Bohrung in der Gabelfaust zum Druckstufeneinsteller hin um 180 Grad wieder nach oben umgelenkt. Danach kann das Öl wieder seitlich nach oben an der Dämpferpatrone vorbei hochsteigen.
Auf dem letzten Bild in meinem Beitrag kannst Du den ganz unten in der Gabelfaust etwa auf 13 Uhr den Messingzapfen des Druckstufenverstellers sehen. Je weiter Du die Druckstufe zudrehst, umso weiter steht der Zapfen rein und verkleinert die Rückflussmöglichkeit des Öls und um so härter wird die Gabel.

Da es sich anbietet, werden wir auch gleich die Simmerringe mitmachen und das Gabelöl wechseln.
Mein persönlicher Favorit wäre eigentlich das Wilbers Öl in SAE 5 gewesen. Damit habe ich bei den ZXR's hervorragende Erfahrungen gemacht (ein 5er gehört laut WHB auch rein) und würde kein anderes Öl mehr nehmen.
Die Gabeln arbeiten einfach göttlich damit, ich habe die Bikes nach dem Wechsel nicht mehr wieder erkannt. Die Gabel schluckt jede Unebenheit, als wäre sie nicht da und der Reifen klebt auf der Straße wie nie zuvor.
Aber dass muss ja nicht zwangsläufig auch auf die 7er passen. Und da sich hier außerdem das WHB (SAE 5) und das Louis Datenblatt (SAE 10) wiedersprechen, habe ich auch im 7er Forum nochmal um Erfahrungen nachgefragt. Es wurde mir bestätigt, dass das Louis Datenblatt hier definitiv falsch ist. Es gehört, wie es auch im WHB steht, bei der 7er ein 5er Öl rein. Und so kommt nun auch hier das Wilbers SAE 5 hinein und gut ist's.


Gabelsimmerringe kommen übrigens originale von Kawasaki rein. Da mach ich keine Versuche mit irgenwelchen Billigteilen. Der Satz mitsamt Staubkappen kostet zwar rund 50,- €, aber dafür halten die auch wieder ein halbes Leben lang. Hab ich mir bei den ZXR's auch gegönnt und hab's bis jetzt nicht bereut.

Also Freunde, ich hoffe, der Bericht hilft Euch bei Zeiten auch mal etwas weiter.
Falls noch Fragen dazu sind, jederzeit gerne.

In dem Sinne ein schönes Wochenende und schönen Gruß,
Hans
Es wurde schon alles gesagt! "Nur noch nicht von jedem"!
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